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Im Rahmen der Erweiterung und Generalsanierung des stationären Hospizes wurde im Park hinter unserem Haus ein neuer Raum der Stille geschaffen. Dieser Raum soll eine Oase für Gäste, Angehörige wie auch die Mitarbeitenden sein.

Viele Menschen, die keine Hospizerfahrung haben, stellen sich ein Hospiz als Ort der Trauer und des Leids vor. Tatsächlich gehört beides zu unserem Alltag. Im Mittelpunkt steht jedoch das Leben, das durch folgende Grundüberzeugungen bestimmt wird:

Damit das gelingen kann, haben wir dieses besondere Projekt umgesetzt. Im Schatten großer, alter Bäume entsteht so ein Ort, den wir Raum der Stille nennen. Etwas abseits des Hauses gelegen, erreichbar über einen überdachten Weg, haben Gäste, deren Zu- und Angehörige sowie Mitarbeitende die Möglichkeit sich zurückzuziehen und innezuhalten - alleine oder gemeinsam. 

Der Raum lädt ein durchzuatmen, zu schweigen, zu lachen oder zu weinen, zu hören oder zu sehen. Helfen können dabei Rituale ebenso wie die Einbindung der Natur.

Der überdachte Steg zum Raum der Stelle auf dem mit Bäumen und Pflanzen bewachsenen Außengelände des Stationären Diakonie Hospiz Wannsee in Berlin-Wannsee.
Blick auf die Wandmalerei im Raum der Stille

Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten,
auf allen deinen Wegen.

Psalm 91,11

Wandmalerei im Raum der Stille

Ausführung 6_26 Atelier Eberhard Münch/ Wiesbaden

Wandmalerei 2,00 m x 3,80 m mit Künstleracryl

Thema

„Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“… Psalm 91, Vers 11-12

Vom gelebten Leben ins Licht

Dieses fast vier Meter hohe Bild erhebt sich wie ein Tor zwischen dem geschützten Raum des Hauses und dem Garten draußen. Es verbindet Innen und Außen, das Sichtbare und das Unsichtbare.

Im unteren Bereich begegnen uns Furchen, Kratzspuren und Verdichtungen der Farbe. Sie erinnern an Wege, die gegangen wurden, an Erfahrungen, Verletzungen, Begegnungen und Entscheidungen. Wie im Leben hinterlässt jeder Mensch Spuren – manche sanft, manche tief eingegraben. Nichts davon wird ausgelöscht; alles bleibt Teil der Geschichte.

Aus dieser verdichteten Zone wächst eine Bewegung nach oben. Linien lösen sich, Farben beginnen zu schweben. Rot- und Goldtöne entfalten Wärme und Lebenskraft, während sich lichte Gelb- und Weißflächen öffnen. Die Komposition wirkt nicht wie ein Aufstieg mit Anstrengung, sondern eher wie ein allmähliches Freigeben, ein Loslassen.                               

Besonders die große gelbe Lichtform im Zentrum erinnert an Morgenlicht oder an die österliche Erfahrung der Auferstehung: nicht als Rückkehr zum Alten, sondern als Verwandlung. Die Formen werden durchscheinender, Grenzen verlieren ihre Schärfe. Was zuvor fest erschien, öffnet sich in einen größeren Raum.

Die blaue Bewegung rechts unten und zur Mitte hin kann als Zeichen von Atem, Geist oder fließender Lebenskraft gelesen werden. Sie durchzieht das Bild wie ein Strom, der die verschiedenen Lebensphasen miteinander verbindet.

Zugleich steht das Werk in einem stillen Dialog mit dem Garten. Die Bäume, das wechselnde Tageslicht und die Jahreszeiten werden Teil der Betrachtung. Das Bild endet nicht an seiner Oberfläche, sondern führt den Blick hinaus ins Lebendige. So entsteht eine Verbindung zwischen dem eigenen Lebensweg und dem größeren Kreislauf der Natur.

Wer hier verweilt, mag im Bild etwas von der eigenen Geschichte entdecken: die Spuren des gelebten Lebens, die Schönheit des Unvollkommenen und die Hoffnung, dass sich am Ende nicht alles verliert, sondern in Licht, Weite und Frieden verwandelt.

Was mich an diesem Werk besonders berührt, ist, dass es die österliche Hoffnung nicht illustrativ erzählt. Es zeigt weder Kreuz noch religiöse Symbole. Stattdessen geschieht die Aussage durch die Bewegung selbst: von der Schwere zur Leichtigkeit, von der Verdichtung zur Transparenz, von den Spuren des Lebens zur Offenheit des Lichts. Gerade deshalb kann es Menschen unterschiedlichster Herkunft und Glaubensüberzeugungen ansprechen. Es lässt Raum für eigene Erfahrungen und Deutungen – und genau das macht einen Raum der Stille zu einem Ort des Trostes.

Persönlich

Als Künstler ist mir jede Raumgestaltung wichtig denn jeder Raum soll mit den passenden Farben ein Ort werden, in dem sich die Menschen wohlfühlen.

Aber ein Hospiz ist immer etwas Besonderes und etwas Bewegendes auch für mich zumal ich musste in der letzten Zeit die schmerzhafte Erfahrung des Verlustes von geliebten Menschen machen. Die Farben der  Stirnwand des Raumes der Stille des Hospizes Wannsee dienen nicht nur der Dekoration. Sie wollen ein Zeugnis der Hoffnung sein,  die die Christen in allen Lebenslagen trägt sowie eine Trost spendende Kraft für diejenigen, die religionslos sind.

Die Putzstrukturen, die im unteren Bereich zu sehen sind, stellen - mit deren sperrigen und asymmetrischen Formen - den spannungsreichen, gewundenen, ja sogar verworrenen Lebensweg von jedem einzelnen Menschen dar.

Ja, gerade die Farbigkeit und diese transparenten geometrischen Schichten tragen die spirituelle Aussage des Bildes.

Die Farben wirken wie verschiedene Ebenen menschlicher Erfahrung. Das warme Gelb dominiert den Hintergrund. Es erinnert an Licht, Hoffnung, Erkenntnis und in einer religiösen Lesart an die Gegenwart des Göttlichen.

Dem gegenüber stehen die kräftigen Rot- und Orangetöne. Sie können für die Leidenschaft des Lebens, für Liebe, Schmerz, Sehnsucht und die Energie menschlicher Existenz stehen. Das Blau, das sich wie ein Gegenstrom durch die Komposition zieht, bringt Ruhe, Weite und Vertrauen hinein. Es öffnet den Blick vom rein Irdischen zum Himmel, vom Erlebten zum Erhofften.

Besonders interessant sind die transparenten rechteckigen und quadratischen Formen, die sich wie Schleier oder Vorhänge über das Bild legen. Sie wirken zunächst wie Hindernisse oder Filter. Man sieht durch sie hindurch, aber nie ganz klar. Symbolisch könnten sie für all das stehen, was unser Leben verdichtet und begrenzt: Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen, Verletzungen, Rollenbilder, gesellschaftliche Strukturen oder auch die Grenzen unseres Verstehens.

Diese geometrischen Formen ordnen und strukturieren das Bild, aber sie verdecken zugleich das dahinterliegende Licht. Gerade weil sie transparent sind, bleibt das Licht jedoch sichtbar. Es verschwindet nicht, sondern scheint durch alle Schichten hindurch. Dadurch entsteht die Vorstellung, dass die Wirklichkeit, die wir unmittelbar wahrnehmen, nicht die letzte Wirklichkeit ist.

Man könnte sagen:

Die geometrischen Schleier sind die Verdichtungen des Lebens. Sie sammeln Erfahrungen, Lasten und Fragen zu einer sichtbaren Struktur. Doch hinter ihnen bleibt das Licht bestehen – nicht als Flucht aus der Welt, sondern als tiefere Wirklichkeit, die alles durchdringt.

In dieser Deutung wird das Bild zu einem Weg: Die dynamischen Farbbewegungen führen durch die Schichten hindurch, nicht an ihnen vorbei. Die Auflösung geschieht nicht durch das Entfernen der Vorhänge, sondern durch das Erkennen des Lichtes, das bereits hinter ihnen gegenwärtig ist. Das Licht Gottes erscheint hier nicht als fernes Ziel, sondern als verborgene Gegenwart, die durch alle Verdichtungen des Lebens hindurchscheint und ihnen letztlich ihren Sinn verleiht.

Deshalb erzeugt das Werk eine Spannung zwischen Verhüllung und Offenbarung: Was zunächst wie eine Begrenzung wirkt, wird zugleich zum Medium, durch das das Licht sichtbar wird. Gerade die Schleier lassen uns ahnen, dass hinter dem Sichtbaren noch eine tiefere Wirklichkeit liegt.

Förderung

Dieser Bau wurde aus Mitteln der DKLB-Stiftung ermöglicht.