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06.01.2015

Lese-Tipp: Menschen in Grenzsituationen

Den letzten Wunsch eines Sterbenden erfüllen, im Augenblick des Todes Frieden erfahren oder eine geplante Hochzeit platzen sehen, weil der Bräutigam frühzeitig verstirbt - für Mitarbeiter in einem Hospiz gehören Grenzsituationen wie diese zum Arbeitsalltag. Im gerade erschienenen Buch "Aber der Mensch lebt nicht nur für sich allein" berichtet Nicole Glocke über ihre Gespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Diakonie-Hospizes Wannsee.
Diakonei-Hospiz-Wannsee - Nachricht - Menschen in Grenzsituationen - Mitarbeiter mit Gast auf der Terrasse

Der Arbeitsalltag in einem Hospiz ist erfüllend, kann aber auch in Grenzsituationen führen.

Manchmal kommt der Tod zu früh, obwohl er bereits erwartet wurde. Der Fall eines noch jungen an Krebs erkrankten Gastes im Diakonie-Hospiz Wannsee zeigt dies auf eindringliche Art. Der Wunsch des Mannes war es seine Freundin zu heiraten. Das bevorstehende Ende ihrer gemeinsamen Zeit hatte sie offenbar noch stärker zusammengeschweißt.

Und so bemühten sich die Mitarbeiter des Hospizes das Paar bei allen formalen Angelegenheiten zur Eheschließung zu unterstützen. Leider war der Krebs schneller als das Standesamt und er verstarb bevor die Hochzeit stattfinden konnte. Mit diesen Grenzsituationen zwischen Leben und Tod werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hospiz in ihrem Berufsalltag konfrontiert und davon berichten sie in Gesprächen, die Dr. phil. Nicole Glocke mit ihnen geführt hat.

Unter anderem aus diesen Gesprächen entstand das im Dezember 2014 erschienene Buch „Aber der Mensch lebt nicht nur für sich allein“. Die Autorin berichtet darin über Menschen, die verschiedene Grenzerfahrungen machen mussten. So führte Nicole Glocke für den Abschnitt „Menschen im Hospiz“ auch Interviews mit festangestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Diakonie-Hospizes.

Im Familienkonflikt zwischen die Stühle geraten

Nicole Glocke fragt danach, wie man im Hospiz arbeitet, welche Erlebnisse im Gedächtnis bleiben. Ein zentrales Thema ist das richtige Maß an Nähe und Distanz im Umgang mit den Gästen. Jeder der Interviewpartner hat dazu mindestens eine Geschichte zu erzählen, so wie Michael Scheu, ein ehrenamtlicher Helfer der ersten Stunde. Der Fall eines Gastes, der sich mit seinen beiden Kindern zerstritten hatte, beschäftigte ihn besonders. Auf Wunsch des Mannes versuchte er einen Kontakt zu deren Tochter herzustellen, mit dem Hinweis auf keinen Fall den Schwiegersohn miteinzubeziehen.

Unglücklicher Weise erreichte er aber eben nur diesen am Telefon und brachte es nicht übers Herz den aufgeschlossen und friedfertig wirkenden Mann abzuweisen. Der Kontakt zur Tochter kam zustande, aber dennoch warf ihm der Gast anschließend vor, es vermasselt zu haben. Daran scheiterte nun auch ein echtes Treffen mit den Kindern. Ohne es zu merken, wurde Michael Scheu hier in alte Familienkonflikte einbezogen, in denen er unmöglich als Vermittler wirken konnte.

Die Schönheit des Todes

Dass die Arbeit im Hospiz von Außenstehenden nicht immer als erfüllend betrachtet wird, davon weiß die ehrenamtliche Hospiz-Mitarbeiterin Petra Grohl der Autorin zu berichten. Die 43-Jährige fand ihre Motivation dafür, Sterbende auf ihrem letzten Weg zu helfen, in einer wichtigen Umbruchssituation in ihrem eigenem Leben. Nach der Trennung von ihrem Mann, mit dem sie drei gemeinsame Kinder hat, und dem Abschluss ihres Psychologiestudiums wollte sie ihrem Leben neuen Inhalt geben. In der Tätigkeit im Hospiz habe sie ihre Berufung gefunden.

Ihrer Familie habe für dieses Engagement anfangs jedoch das Verständnis gefehlt. Die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod betrachteten sie mit Skepsis. Doch für Petra Grohl hat das nichts Befremdliches oder Abstoßendes. Zu sehen wie ein erfülltes Leben zu Ende sei und der Sterbende in Anwesenheit seiner Angehörigen und mit einem friedlichen Ausdruck auf dem Gesicht gehe, empfinde sie als befreiend, ja sogar als schön. Und – so berichtet Petra Grohl - hilft ihr die Arbeit im Hospiz mit ihrer eigenen Angst vor dem Tod umzugehen.

Balanceakt zwischen Sterbebegleitung und Freundschaft

Auch Gaston Hillenbrand erzählt der Autorin, dass er sich schon oft mit dem Thema Nähe und Distanz auseinandersetzen musste. Er arbeitet als festangestellter Mitarbeiter im Diakonie-Hospiz Wannsee mittlerweile als Koordinator im ambulanten Hospiz. Es ist ganz natürlich, dass man zu einem Menschen, den man pflegt und in seiner letzten Lebensphase begleitet eine gewisse Vertraulichkeit aufbaut, meint er. Dennoch hat ihn der Tod einer etwa 65 Jahre alten Dame stärker berührt, als er es sich selbst zugestehen wollte.

Im Interview berichtet er, dass sie etwa acht Monate im Hospiz verbracht hatte, weit mehr als die meisten Gäste. Er hatte zahlreiche Gespräche mit ihr geführt, sie hatten zusammen gelacht und manchmal gemeinsam auf der Terrasse eine Zigarette geraucht. Als sie starb, erschrak Hillenbrand vor seiner eigenen Trauer. Die Grenze zwischen Sterbebegleitung und Freundschaft dürfe niemals überschritten werden, da es sonst für einen Pfleger unmöglich sei seinen Beruf emotional stabil auszuüben. „Der richtige Umgang mit den Gästen ist ein Balanceakt“, meint Hillenbrand. Um seinen Beruf nicht zu gefährden, setze er sich selbst seit dem Grenzen.

Labyrinth der Trauer

Die Menschen, die nach dem Tod zurückbleiben, machen eine schwierige Zeit der Trauer durch. Trauer lässt sich nicht vollkommen abschließen, weiß Angelika Behm, Leiterin des Diakonie-Hospizes Wannsee: „Wir tragen sie bis ans Ende unseres Lebens mit uns.“ Deshalb werde sie als zeitliche Abfolge und gleichzeitig als Wandlung gesehen, erklärt sie der Autorin. An ihrem Ende kehre man wieder zu sich selbst zurück und könne so auch in sein Leben zurückkehren. Im Gespräch erläutert Angelika Behm die vier Phasen der Trauer nach der niederländischen Trauerforscherin Ruthmareike Smeding. Die dritte und meist längste Phase ist die sogenannte Labyrinthzeit. Das Labyrinth sei eine Metapher für die Selbsterkennung, die sich nach zahlreichen Kurven und Abzweigungen im Inneren des Labyrinthes finde.

Die letzten Fragen und Wünsche

Nicole Glocke sprach auch mit Pastorin Miriam Stamm, die eine wichtige Rolle bei der Begleitung der trauernden Angehörigen im Hospiz spielt. Neben der Trauerarbeit ist sie auch für die Seelsorge zuständig und erzählt, dass es den Menschen am Ende ihres Lebens oft weniger um spirituelle Fragen gehe. Sie wünschten sich einfach Frieden zu finden, ihre letzten Angelegenheiten regeln zu können und die ihnen verbleibenden Tage, Wochen oder Monate schmerzfrei zu verbringen. Durch das Engagement und die Tatkraft der zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann ihnen das im Diakonie-Hospiz Wannsee auch in aller Regel gewährt werden, wie die Einblicke in den dortigen Arbeitsalltag aus Nicole Glockes Buch zeigen.

Lesen Sie die vollständigen Aufzeichnungen im Buch von Nicole Glocke: "Aber der Mensch lebt nicht nur für sich allein. Vier Reportagen über Grenzsituationen", S. 47 bis 97, erschienen 2014 bei ATE Münster.

Hier können Sie sich über Möglichkeiten der ehrenamtlichen Mitarbeit im Diakonie-Hospiz Wannsee informieren.

 
 
 
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